Die Psychoanalyse in der ungarischen Literatur (1984)

Vortrag in Gorizia/Görz auf der Konferenz Psicoanalisi e cultura nella mitteleuropa

In: La psycoanalisi nella letteratura ungherese, Biblioteca Cominiana, 1990.200-209.

Es hat viele Gründe, warum sich der Freudismus, die psychoanalytische Methode in der ungarischen Literatur leichter durchsetzen konnte, als in der ungarischen Psychiatrie. Der Kreis um Sándor Ferenczi gründete zwar 1913 die Budapester Sektion der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, Budapest war im Herbst 1918 Schauplatz des fünften Psychoanalytischen Kongresses, und Sándor Ferenczi wurde zwar in den Tagen der ungarischen Räterepublik zum Universitätsprofessor ernannt, die Psychoanalyse konnte sich doch in Ungagarn in der offiziellen Psychiatrie nicht richtig Wurzeln schlagen. Vor allem wurde die psychoanalytische Deutung der Sexualität bekämpft, aber die Psychoanalyse wurde immer mehr auch aus rassistischen Gründen angegriffen. Nach 1945 wurde sie aus marxistischem Gesichtspunkt abgelehnt, der Beurteilung von Georg Lukács entsprechend wurde sie wenigstens in den Gesellschaftswissenschaften für “gefährlich” gehalten.

Demgegenüber fand die psychoanalytische Theorie in der ungarischen Literatur bereits nach 1910 einen fruchtbaren Boden. Es gab nur wenige Dichter und Schriftsteller, die ihrer Wirkung entgehen konnten, und sogar in den 30er Jahren, als die Psychoanalyse in Europa in Gefahr geriet, befruchtete sie die Dichtung von Attila József u.a. Die Beziehung zwischen Marxismus und Freudismus im Lebenswerk von Attila József ist auch heute noch keine geklärte Frage; es steht aber fest, daß die Meinungen der ungarischen Marxisten über den Freudismus auseinandergingen: vor allem der Moskauer Flügel (Sándor Varjas, József Révai, Georg Lukács u.a.) lehnte den Freudismus eindeutig ab, einige Marxisten aber, unter ihnen Attila József und der Essayist György Bálint versuchten die psychoanalytischen Lehren in die maxistische Gedankenwelt zu integrieren. György Bálint äußerte sich z.B. folgenderweise zur Frage Freudismus: “Ich muß gestehen, daß das Kennenlernen der Thesen von Freud, wenn auch nicht zu meiner Weltanschauung, aber doch zu meinem Weltbild grundsätzlich beigetragen hat.”

Sándor Ferenczi und Géza Csáth machten vor allem die ungarischen Schriftsteller, aber auch das ungarische Publikum mit den Freudschen Gedanken bekannt. Sándor Ferenczi – wie allgemein bekannt – war seit 1908 einer der engsten Mitarbeiter von Freud. Seit 1912 erschienen seine Studien über die Psychoanalyse in der “Nyugat” (Okzident), der bedeutendsten Zeitschrift der literarischen Erneuerung in Ungarn, deren Redakteur übrigens, Ignotus, auch der Konstitution der Budapester Sektion der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung beiwohnte. Der andere Vermittler der Psychoanalyse in Budapest – wie weniger bekannt – war der Schriftsteller Géza Csáth, ein Verwandter von Deső Kosztolányi, Mitarbeiter der Zeitschrift “Nyugat”, der unter dem Namen dr. József Brenner in einer psychiatrischen Klinik arbeitete.

Géza Csáth studierte bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts nicht nur die Schriften von Freud, sondern ihm war die Tätigkeit von Carl Gustav Jung auch bekannt. Er veröffentlichte neben vielen psychoanalytischen Schriften 1912 sogar eine gründliche psychoanalytische Studie mit dem Titel Tagebuch einer geisteskranken Frau, in dem er – zwar von Freud und Jung beeinflußt – eine beachtenswerte Eingene Theorie darstellt. Die Studie enthält einen allgemeinen Überblick über den Stand der psychoanalytischen Forschung, in dem Csáth auch seine eigene Theorie entwickelt, die Krankheitsskizze, die Analyse der Psychose, die Diagnose und eine Zusammenfassung. Hier möchten wir das Buch nicht ausführlich darlegen, dessen Bedeutung auch Csáth selbst bewußt war, als er schrieb: “Der Versuch, den der Leser vor sich hat, ist meines Wissens die erste, vollständig durchgeführte Paranoia-Analyse.” Wir werden bloß auf einige Momente hinweisen.

Géza Csáth teilt den Ich-Komplex in sechs Komplexe, den sexualen, Selbsterhaltung-, finanziellen, moralischen, rassischen und religiösen Komplex, wobei er bemerkt, daß er den ersten vier Komplexen eine größere Bedeutung beimißt. Er studiert dann die Veränderung dieser Komplexe einander und dem Ich-Komplex gegenüber in der Psychose. “Die Komplexe haben eine kompensatorische Beziehung zueinander. Die Verletzung des einen Komplexes kann die Empfindlichkeit der anderen oder eines unter ihnen steigern”. Csáth sucht dadurch nach der Systemhaftigkeit der Psychose, und er kommt auf den Gedanken, daß jede Psychose das Element der Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit enthält. Er weist darauf hin, daß die Psychose eine Möglichkeit bietet, weiterzuleben, ohne die aufgetauchten Konflikte des Lebens gelöst zu haben, bzw. die Psychose selbst sorgt bereits für eine Lösung der Konflikte. Csáth bezeichnet die Psychose nicht als Krankheit, sondern als Steigerung des Lebensgefühls, er ist der Meinung, daß viele, körperlich gesunde Menschen sterben ohne die Erfahrungen von A.G., die durch die Psychose die Lust intensiv und abwechslungsreich erleben konnte. Der Gedanke von Csáth, daß der Anlauf der psychischen Vorgänge nicht nur vom “Unlustprinzip”, sondern auch vom Prinzip der Zweckmäßigkeit gesteuert wird, ist der Schlüssel zu seinem Verständnis auch als Schriftsteller und als Mensch. Csáth unterstreicht nämlich, daß die Psychose nicht nur vor den unangenehmen Sensationen schützt, wie er bei Freud fand, sondern auch nach den angenehmen strebt.

In seiner späten Novelle Imre Dénes (1918) finden wir auch dieses Motiv. Die Grundlage der Psychose ist in diesem Falle der Konflikt zwischen dem sexuellen und dem moralischen Komplex: Imre ist nicht imstande dem Mädchen zu verstehen zu geben, daß er sie begehrt. Er zögert, und verpaßt alle Chancen; er muß bald nach Hause zurückkehren, und weiß, daß er das Mädchen nie wieder treffen kann. Csáth beschreibt nun die Ausbreitung der Psychose, was alles Imre erfindet, um glücklich zu sein. Er zeigt am Beispiel von Imre zugleich auch hier die Zweckmäßigkeit der Psychose: Imre erfindet zuerst, seine Geliebte ist ihm in der Gestalt einer Sau erschienen., aber der Vater schlachtet die Sau und wird dadurch zum Feind seines Sohnes. Imre erblickt dann das Mädchen in der Gestalt des Pfarrers, und später behauptet er Im Krankenhaus, daß er den ganzen Tag mit ihr spricht, und zwar per Telephon ohne Draht. Zu diesem technischen Wunder fügt Géza Csáth aber hinzu: “Ein Telephon ohne Draht! Die Wissenschaftler und Forscher haben sich umsonst bemüht, diesen Apparat zu schaffen. Die Psychose hat ihn aber vor Jahrtausenden für die unglückliche Liebe erfunden., sie bringt ihn an und stellt ihn kostenlos zur Verfügung”.

In jeder Novelle von Csáth geht es eigentlich um das Gleiche: es gibt nur den Unterschied, daß die Motivation und Umstände der Psychose in den frühen Erzählungen weniger gründlich erhellt werden. Man kann diese Novellen nach einem traditionellen Kode, nach moralischen oder ästhetischen Erwartungen nicht verstehen. Sie sind einem erst zugänglich, wenn der psychoanalytische Gedanke erkannt wird. So z.B. in der Novelle Muttermord (1909) ermorden zwei Jungen ihre eigene Mutter ohne irgendwelches Schuldgefühl, um die Schmucksachen der Mutter ihrer Geliebte zu schenken, bei der sie die wilde, sadistische Art der Sexualität entdeckt haben. Im Schlachtfest (1905) wehrt sich ein sexuell reifes, hübsches Mädchen gegen die Annäherung der Männer, sie kann den Konflikt zwischen ihren moralischen Einstellungen und ihrer sexuellen Begierde nicht lösen, wie Herr Bauer in der Novelle Die Heirat von Bauer (1914), der auch vor ein Dilemma gestellt wird: entweder er nimmt die geliebte Malvin auch noch danach zur Frau, als er erfahren hat, daß das Mädchen vergewaltigt wurde, oder er verzichtet auf sie.

“Die echten Geisteskrankheiten” – schreibt Géza Csáth – “sind Funktionsstörungen nach psychischen Effekten. (…) Nirgendwo ein Fehler. Nur soviel passiert, daß sich die Psyche den bestehenden, schwierigen, ungünstigen Umständen anpaßt, sie sucht nach den Möglichkeiten des Lebens, dem Trösten, und ruft den Zustand ins Leben, in dem die Selbsterhaltung verhältnismäßig am liebsten gewünscht und ertragen werden kann.”

Géza Csáth, der Schriftsteller betrachtete das Leben aus dem Gesichtspunkt des Psychiaters József Brenner. Viele Schriftsteller um die “Nyugat” aber, die die Psychoanalyse aus verschiedenen Quellen, teilweise aus den Werken von Géza Csáth kennengelernt hatten, hatten eine andere Beziehung zu dieser Anschauungsweise, Methode wie Csáth selbst. Sie integrierten diese Gedanken oft in ihre Werke, aber wie weit sie sich von der bloßen Beschreibung einer Psychose entfernen konnten, ist unterschiedlich: ob so, daß die Psychose nur ein Motiv darstellt und innerhalb des Werk-Ganzen eine nicht-psychoanalytische Bedeutung gewinnt, wie z.B. beim Österreicher Hugo von Hofmannsthal, der die psychoanalytische Beschreibung von Morton Prince in seinem Roman Andreas oder Die Vereinigten verwendet, oder aber strukturiert die Psychose das ganze Werk, es ist ja oft nur zu verstehen, wenn die Psychose verstanden wird. Für dies letztere ist die frühe Schaffensperiode von Milán Füst und teilweise auch die von Frigyes Karinthy, für das vorige aber das Lebenswerk von Dezső Kosztolányi und Mihály Babits ein Beispiel.

Die Psychoanalyse wirkte ohne Zweifel auf Kosztolányi, und zwar in seinem ganzen Lebenswerk sind Spuren dieser Wirkung nachzuweisen: von seinem frühen Gedichtband Die Klagen des kleinen Kindes (1910) bis zu den späten Novellen. Wichtig ist aber, das das psychoanalytische Motiv immer in einem größeren Zusammenhang erscheint, es weist immer über sich hinaus. Im Roman Lerche (1924) ist der psyanalytische Kern das folgende: in einer Kleinstadt lebt die Familie Vajkay; die Eltern sind einfache, anständige Menschen, die ihre häßliche Tochter bedauern, weil sie bereits über 30 ist und noch nicht heiraten konnte, und sie hat ja auch keine Hoffnung darauf. Die Eltern ordnen ihr Leben den Wünschen der Tochter unter, so wird ´Lerche´, so nennen sie die Tochter, zum Tyrann ihres Lebens. Das stellt sich aber heraus, als Lerche für eine kurze Zeit verreist. Erst dann treten die verdrängten Wünsche hervor, die Eltern werden auf einmal dessen bewußt, daß ihnen die Tochter zur Last fällt. Der Vater wagt sogar zu formulieren, daß er den Tod der Tochter wünscht. Kosztolányi bleibt aber nicht bei diesem Modell, er führt es weiter; er behält seine moralischen Wertsetzungen bei, und sagt letzten Endes aus, daß die aufgebrochenen Leidenschaften nicht zum wahren Wesen des Menschen gehören.

Ähnlich ist der Roman Anna Édes (1926), dessen Handlung auch mit dem Freudschen Muster motiviert ist: Anna, die vorbildliche Magd, mit deren Arbeit man immer zufrieden ist, die sich wegen ihrer Lage nie beklagt, tötet auf einmal ihre Herren. Die Aussage des Werkes ist doch nicht die Veranschaulichung der These über Verdrängung und der Agressionstriebe. Dieses Buch, das Kosztolányi sehr am Herzen lag, wollte über gesellschaftliches Elend, aber vielmehr über einen allgemeinen Dependenz-Abscheu etwas aussagen.

Ähnlicherweise sind psychoanalytische Motive auch in den späten Novellen von Kosztolányi zu verstehen. In der Novelle Baden tötet der Vater absichtslos seinen Sohn beim Baden, auf den er ja böse war, weil das Kind in Latein durchgefallen ist. In der Novelle Feri sind wir Zeugen der Wutausbrüche von Herrn Wilcsek, der sich wegen eines Straßenjungen ärgert und seinen Tod wünscht. Als der Junge, Feri nach einigen Tagen wirklich stirbt, wandelt sich Herrn Wilcseks Haß in ein entgegengesetztes Gefühl um. In der Novelle Alfa haßt ein Schäferhund einen harmlosen Bewohner eines Miethauses, und es kommt bald dazu, daß der Bewohner auszieht, der Haß wird aber Herr über ihn, er schleicht einmal zurück, und vergiftet den Hund. Kosztolányi stellt aber auch hier nicht bloß den Ausbruch der Agressionstriebe dar, er weist zugleich auf die Unmöglichkeit menschlicher Beziehungen hin, er begründet das aber nicht mit unvermeidbaren tiefenpsychologischen Vorgängen, sondern mit dem Mangel moralischer Kräfte. Herr Suhajda, Herr Wilczek und der Bewohner des Mietshauses sind menschlich schwach, sie lassen den Haß Herr über sich werden und das ist ihre Schuld.

In einem Stück der Kornél Esti-Novellen wird Kornél Esti von einem paranoischen Mädchen geküßt. Das Motiv der Psychose hat hier aber eine andere Bedeutung wie anderswo im Lebenswerk von Kosztolányi: es ist ein Mittel des Vereinigens, es symbolisiert alles was häßlich, niedrig und gemein ist. Es gilt als Kontrast zu einem Leben, das sich nach Vollkommenheit strebt.

Bei Babits stoßen wir bereits in seinem ersten Roman, dem Storchkalif (1913) auf psychoanalytische Hinweisungen: Freuds Traumdeutung und die Arbeit von Morton Prince werden erwähnt. Diese aber – wie György Rába überzeugend beweist – beeinflussen die Struktur des Romans nicht; vielmehr wird hier eine frühere psychologische Theorie verwendet. Sie entnimmt Babits Theodule Ribot, der sich in seinem Buch Die Krankheiten der Erinnerung, das übrigens 1901 auch auf Ungarisch erschienen ist, auf den englischen Psychiater Hamilton beruft. Hamilton beschreibt nämlich einen Fall, daß sich jemand in der Nacht mal als Lehrling, mal als vornehmer Herr träumte, und das verwendet Babits zu seinem Roman, in dem Elemér Tábory, dem 16jährigen Schüler aus einer vornehmen Familie etwas Ähnliches passiert: er träumt sich selbst als schmutziger Tischlerlehrling, später als hungernder Schreiber, und kann seine Träume und Erinnerungen nicht mehr unter Kontrolle halten, Leben und Traum durchflechten einander, und am Tag, an dem der geträumte Schreiber Selbstmord begeht, wird auch Elemér mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden.

Ein anderer Roman von Babits, Der Sohn von Virgil Timár (1922) ist ein Buch der Liebe, die ein Lehrer seinem Schüler gegenüber empfindet. Babits verwendet hier bereits die Psychoanalyse im Motiv der Verdrängung der Liebe zur Entfaltung des Schicksals von Virgil Timár. Virgil Timár ist ein Zisterzienser-Lehrer, der mit seiner ganzen pädagogischen Leidenschaft an seinem Schüler , Pista Wagner hängt. Den Knaben, ein Kind der Liebe, nimmt Virgil Timár nach dem Tod der Mutter zu sich, aber der Vater taucht bald auf und das Kind folgt ihm: Pista Wagner sieht mit großen Erwartungen den Abenteuern entgegen, die in der Großstadt auf ihn warten. Virgil Timár fühlt sich beraubt, aber er sieht auch die Notwendigkeit der Geschehnisse ein, und widmet sich nach diesem Trauma alleine Gott.

Um die richtige Funktion der Psychoanalyse bei Babits zu erfassen, müssen wir auch noch sein Gedicht Psychoanalysis Christina (1925/27) in Betracht ziehen, das Péter Balassa in der Vigilia (1984/7.) eingehend analysiert. Wie bereits der Titel des Gedichtes darauf hinweist, wird die Psychoanalyse bei Babits mit christlichen Gedanken verbunden, und zwar er sieht im In-Sich-Versinken die Vorbedingung für das Emporsteigen. Babits verwendet dabei den Begriff ´Widerstand´, den ja auch die psychoanalytische Therapie kennt. ´Widerstand´ bedeutet hier ´Sünde´, das Sich-Auftun, das Sich-Erkennen wird nämlich dadurch verhindert, gehemmt. Der Widerstand der Psyche sich gegenüber bedeutet hier zugleich den Widerstand Gott gegenüber. Das In-Sich-Versinken ist nämlich die Vorbedingung zur Sublimation, zum Erheben; das dient dazu, daß wir Gott in uns erkennen. In diesem Sinne ist auch der Roman Der Sohn von Virgil Tímár aufzufassen. Der Schluß des Werkes weist darauf hin, daß wir selbst nur unser Leben gestalten können. “Die Söhne verlassen die Stadt, in der sie groß geworden sind, und sie suchen die Versuchungen der Welt auf: sie irren herum, sie siegen oder fallen, aber sie müssen kämpfen. (…) Nicht derjenige ist der Held, der nie kämpft, sondern derjenige, der siegt!” Das ist eigentlich der christliche Weg bei Babits durch die ´Psychoanalyse´, den Pista Wagner erst betritt.

In den frühen Werken von Frigyes Karinthy geht es um ein einziges Problem: das Verhältnis zwischen Mann und Weib. Wir finden viele Novellen vor allem in seiner frühen Schaffensperiode, in denen das Weib mit ihrer sexuellen Anziehungskraft als grausame Drohung erscheint, es treibt ja den Mann zur Vernichtung. Sogar der Tod erscheint bei Karinthy in der Gestalt des Weibes, des sexuellen Aktes. Karinthy widmete auch einen Roman dem Kampf der Geschlechter (Capillária, 1921) und sah später die Visionen des. Capillária im Werk von Sándor Ferenczi Katastrophen im Geschlechtsleben auch wissenschaftlich begründet.

Eine andere Wirkung der Psychoanalyse ist in den satirischen Schriften von Karinthy zu entdecken. In den Novellen Beim Psychiater und Hacsek und Sajó z.B. werden die bereits bekannten, verbreiteten Thesen der Psychoanalyse zur Quelle des Humors.

Wir weisen von den Schriftstellern um die “Nyugat” auch noch auf einen frühen, noch nicht ausgereiften Roman von Milán Füst hin, um zu zeigen, daß es auch nach Géza Csáth Versuche gab, ein rein psychoanalytisches Werk zu schreiben, auch wenn diese Bestrebung für die weitere Schaffensperiode von Füst nicht nicht mehr charakteristisch ist. In diesem Roman, dessen Titel Lachende (1917) heißt, stellt zwar Fü+st zwei Freunde dar, die beiden Figuren sind aber nur als Symbole eines und desselben seelischen Konflikts zu nehmen. Die beiden verhalten sich zueinander wie etwa das Bewusstsein zum Unbewußten. Was der eine erlebt, wagt der andere nur ohne Bedenken zu formulieren wie z.B. in einem Gespräch über die Eltern: “Wir sprechen über meinen Vater und er fragte lieber. Er faltete die Stirn als wenn er intensiv überlegte und er rauchte inzwischen und atmete den Bauch tief ein. ´Und wie stehst du mit deinen Eltern?´- fragte ich ihn melancholisch aber vom Gespräch ein bißchen erwärmt. Es dämmerte schon. Mein Freund schwieg eine Weile und dann, als wenn er sich zu etwas entschlossen hätte, sagte: Ich hasse meinen Vater!´ Ich erinnere mich daran, als wenn mir jemand auf den Kopf geschlagen hätte.” Der Teil des Romans, in dem der Freund seine Beziehung zu einer Frau beschreibt, die er liebte und erwürgte, ist rein psychoanalytisch zu verstehen. Wie wir seiner Erzählung entnehmen können, er mußte seine sexuelle Begierde der keuschen Frau gegenüber verdrängen und das führte zur Neurose. Der abgewiesene Liebhaber nennt die Frau eine Dirne und entfaltet ein Bild über eine blutige sexuelle Orgie, schließlich tötet er die Frau – ob ´wirklich´, oder nur in der Phantasie, wissen wir nicht, aber ist auch nicht wichtig. Wir bekommen aber ein präzises Bild der Neurose, die der unlösbare Konflikt zwischen des sexualen und dem moralischen Komplex auslöste. B.A. – so nennt der Erzähler seinen Freund – berichtet darüber folgender Weise: “Ich war genötigt, wie ein frommes Vieh aufzutreten, das die weibliche Ehre, das ehrenvolle Leben über alles verehrt. (…) Und sag mal, ob es nicht schöner gewesen wäre, wenn wir beide uns auf den Boden gesetzt und bis zum Tode abgeküßt hätten. Moral in der Liebe? Das ist der Trost der Schwachen, mein Freund.”

In der ungarischen Literatur der 30er Jahre ist Attila József eine sehr interessante, aber – wie gesagt – noch nicht genug geklärte Erscheinung im Zusammenhang mit der Psychoanalyse. Hier versuchen wir bloß auf einige Momente hinzuweisen.

Attila József war noch in den 20er Jahren eindeutig gegen den Psychologismus, in den 30er Jahren begann er aber plötzlich für die Psychoanalyse zu interessieren. Diese Wendung in seiner Anschauung ist mit verschiedenen Gründen zu erklären. Er las zu dieser Zeit die Studien des englischen Ethnografen Fraser über die primitiven Völker, und dieses ethnografische Interesse führte ihn zu Freud, zum Totem und Tabu. Er kannte Géza Róheim, und nahm an seinen Vorlesungen über den Volksglauben teil. Bei der Wendung spielte aber auch sein Interesse an der Etnolinguistik eine wesentliche Rolle. Ihn interessierte zu dieser Zeit vor allem das Verhältnis des Ich zur Sprache. Deshalb studierte er auch das sprachliche Tabu im Volksglauben und brachte diese Erscheinung, daß nämlich durchs Verbot der Aussprache gewisser Wörter das Wort selbst an Bedeutung gewinnt, mit der Wortmagie in Zusammenhang. Er fand außerdem, daß der primitive Mensch, das Kind und der Neurotiker dasselbe Verhältnis zur Sprache haben. Biographisch ist sein Interesse an der Psychoanalyse auf seine Krankheit zurückzuführen, er hatte nämlich schwere Magen- und Darmbeschwerden, die auf eine Neurose zurückzuführen waren. Er wurde sogar mehrmals von Samu Rapaport, István Kulcsár und Edit Gyömrői psychoanalytisch behandelt. Er studierte immer mehr die psychoanalytische Fachliteratur, so las er z.B. auch eine psychoanalytische Deutung über Franz Kafka in der Zeitschrift “Imago”, was großen Eindruck auf ihn machte. Dieses gesteigerte Interesse am Freudismus und der Psychoanalyse überhaupt ist an seinen Kritiken, Bemerkungen aber auch Gedichten zu dieser Zeit zu erkennen. 1932 erwähnt er in seiner Kassák-Kritik das Unbewußte, in seinem Aufsatz Hegel, Marx, Freud weist er darauf hin, daß Hegel und Marx zwar wichtige Gesetzmäßigkeiten erkannt haben, müßten diese aber unbedingt mit den psychischen Vorgängen ergänzt werden. Er erklärt sogar historische Ereignisse, wie auch Hitlers Machtergreifung mit dem ´Unbewußten´. Als er erfährt, daß das Buch von David Herbert Lawrence Lady Chatterley´s Lover in England verboten worden ist, behauptet er, dieses Werk sei wichtiger, als die gesellschaftliche Revolution. An einer Diskussion, die vom Cobden-Bund in Budapest verstautet worden ist, erörtert Attila József eine Sublimations-Theorie. Er versteht darunter, daß die inneren Konflikte, die schmutzigen Erlebnisse zur Kunst sublimiert werden. Im Gedicht Unser Dichter und seine Zeit ((1937) formuliert er folgender Weise diese Erkenntnis: “Keine Wirklichkeit, aber auch kein Traum, das heißt, ich sublimiere meinen Trieb.”

Die Spuren der psychoanalytischen Orientierung sind etwa seit 1933 in den Gedichten von Attila József zu entdecken. Im Gedicht Am Rande der Stadt (1933) beruft er sich neben den Produktionskräften auf die Triebe, im Ars poetica (1937) wird die Rolle der Triebe so bezeichnet: “Du sollst essen, trinken, umarmen, schlafen können! / Du sollst dich mit dem All messen!”. Die Reihe ähnlicher Beispiele könnte noch natürlich fortgesetzt werden. Wir möchten aber nur noch darauf hinweisen, daß diese psychoanalytischen Motive in der verschiedensten Versform erscheinen. Das Gedicht Was du in dein Herz steckst (1936), das Attila József übrigens aus dem Anlass des 80. Geburtstages an Freud schrieb und auch dem alten Wissenschaftler schickte, der es mit Dank annahm, schuf er in der Form eines Volksliedes. In den Fragmenten finden wir Freudsche Gedanken in Kalevala-Strophen.

Die in den 30er Jahren sich ausbreitende Dorfforschungsbewegung, wie sich die verschiedenen Avantgarde-Gruppierungen in Ungarn nach dem ersten Weltkrieg hatten natürlicherweise kein Interesse an der Psychoanalyse. Es ist aber sehr interessant, daß einer der bedeutendsten Schriftsteller der Dorfforschungsbewegung, Lajos Nagy, auf einmal mit der sachlichen Beschreibungsmethode seiner Soziographien aufhörte, und – wenn auch nur in einem Werk – wendete den Freudismus an. Dieses Buch erschien 1937 unter dem Titel Die Maske des Dorfes. Es ist auch eine Art Soziographie, aber in diesem Falle wurden vor allem Angaben in Bezug auf das Geschlechtsleben der Dorfbewohner gesammelt. (Es wird übrigens heutzutage auch erforscht, inwieweit Lajos Kassák, der vielseitige ungarische Avantgarde-Dichter und -Maler, Expressionist, Dadaist und später Vertreter des Konstruktivismus mit der Psychoanalyse in Zusammenhang gebracht werden kann.)