In: Welt und Roman, Visegráder Beiträge zur deutschen Prosa zwischen 1900 u. 1933. – Bp.,1983.S.169-175.
Der Roman Andreas – wie bekannt – ist Fragment geblieben; Hofmannsthal hat nur etwa ein Viertel des ganzen geplanten Werkes vollendet, wie es sich aber fortgesetzt werden sollte, wissen wir allein aus Hofmannsthals Notizen und Entwürfen. Die Schwierigkeit ergibt sich daraus, ob das Fragment auf Grund der weiteren Intentionen des Autors als etwas Vollständiges interpretiert werden könnte oder nicht. Anhand der Fachliteratur läßt sich die Frage schwer beantworten: es gibt Analysen, die sich nur auf die fertigen Teile beschränken, andere versuchen aber die Aussage des Werkes vom rekonstruierten Ganzen her abzuleiten. Unsere Interpretation läßt Hofmannsthals Skizzen zum Werk auch nicht außer Acht, braucht sie aber vor allem zum richtigen Verständnis der schon in den fertigen Kapiteln angedeuteten Problematik.
“Die Heimat stirbt auf Reisen” notierte sich Hofmannsthal das alte chinesische Sprichwort, und gerade das ist der Grund, warum sich Andreas auf die Reise machte: der Wiener Bürgersohn wollte aus dem engen Milieu heraus, wollte von seinem problematisch gewordenen Ich los, wollte seine eigene Identität. Die Erziehung Andreas´ vollzieht sich durch die Liebe und allein durch die Liebe. Die Freundschaft zu Sacramozo spielt hier keine entscheidende Rolle, wie wir es sehen werden; viel wichtiger ist aber aus diesem Aspekt Sacramozos Verhältnis zu Maria, als Beispiel einer falschen Liebesauffassung.
Andreas hat sein erstes Liebeserlebnis in Kärnten, in der österreichischen Provinz. Dieses Abenteuer scheint nur eine Episode zu sein, was auch seine Stelle im Roman begründet, es ist nämlich mitten in das Venezianische Erlebnis eingeschoben als Andreas´Erinnerung an frühere Ereignisse, die – könnte man glauben – etwas Abgeschlossenes sind. Das scheint auch noch zu bekräftigen, daß das Kärntner Abenteuer Andreas nicht erzogen hatte. In Venedig angekommen stand er ebenso fremd der Welt gegenüber, wie am Anfang seiner Reise. Tatsächlich ist aber Andreas´ Beziehung zu Romana, sein Erlebnis der österreichischen Provinz durch Romanas Liebe das entscheidende Moment an seiner Entwicklung. Diese scheinbare Episode bildet in der Tat den Kern der ganzen Problematik; in den anderen Abenteuern werden nur die möglichen Varianten der gleiche Frage Andreas nahegebracht. Es ist auch nicht zufällig, daß Hofmannsthal in den Entwürfen zur Fortsetzung des Romans Andreas zu Romana zurückführen wollte.
Andreas und Romana sind nicht gleich, und zwar aus dem Gesichtspunkt der Freiheit. Romana ist nämlich ethisch frei, sie kann sich ohne Scham und Vorbehalt Andreas hingeben , Andreas ist aber ästhetisch frei, d.h. er ist dieser vorbehaltlosen Hingabe noch nicht fähig. Andreas könnte Romana erst wirklich bekommen, wenn auch er sie frei – d.h. ethisch frei – wählen könnte; und er könnte sie erst frei wählen, wenn er zu sich selbst gelangen könnte. Hier schließt sich der Kreis; der Ausgangspunkt wird eigentlich zum Ziel, aber nur wenn die angegebene Bahn durchlaufen wird. Und so wird auch die Episode zum Schlüsselkapitel, indem Andreas sich selbst findet.
Die Begegnung mit Romana erlebt Andreas wie ein Märchen. In Romana wird alles angedeutet, was im Leben erstrebenswert ist, zwar ohne den Weg dazu; “es war Andreas, als schaue er in einen Kristall, in dem lag die ganze Welt, aber in Unschuld und Reinheit.” Andreas erblickt also das Ziel, bleibt aber Beobachter, Außenseiter dieser Ordnung. Am besten zeigt das vielleicht die Liebesszene zwischen Andreas und Romana: die krankhafte Zurückgeworfenheit auf sich selbst und das ästhetische Moment, die Geliebte vor anderen durchaus zu verstecken, verhindert Andreas, wirklich zu lieben: Er hob sich auf, es durchfuhr ihn, daß es der erste Kuss in seinem Leben war. (…) Der Wind bewegte die Tür, Andreas war es, als habe wer hereingeschaut.” Andreas erlebte hier also etwas, womit er nichts anfangen wußte. Wie bereits festgestellt, er stand nach diesem Abenteuer ebenso fremd der Welt gegenüber wie davor, doch war es mehr: er ist in Verzweiflung geraten, d.h. er wurde auf einmal seines hoffnungslosen Zustandes inne. In der Verzweiflung tauchen erst Probleme auf, die bisher nicht auf das Ich bezogen worden sind: quälende Kindheitserlebnisse, die Beziehung zu den Eltern, die Gegenüberstellung von Tod und Leben, die Frage der Zeit usw. Es darf unserer Aufmerksamkeit auch nicht entgehen, daß auch das folgende im Zusand der Verzweiflung eingesehen wird: “das viele Herumlaufen ist unnütz, man lauft (sic!) sich selber nicht davon.” Damit wird Andreas für die Erziehung offen. So wird im späteren die Erinnerung an Romana immer die Funktion haben, sich auch an sich selbst, d.h. an die Krise der Persönlichkeit zu erinnern, und das treibt Andreas von Romana weg und zu ihr zurück. Er muß zwar Romana verlassen, es gelingt ihm. doch für eine Zeit das Mädchen auf seine Weise zu behalten, d.h. sie im Traum und in der Erinnerung ästhetisch zu besitzen. Das ist der erste, im wesentlichen mißlungene Versuch im Bereich des Ästhetischen, die Verzweiflung zu überwinden.
Die Erziehung, das Problematisch-Werden des ‘Ästhetischen, beginnt eigentlich bei Nina. Wichtig ist, daß Andreas vor dem Abenteuer mit Nina ein Geheimnis, ein seltsames Mann/Weib trifft – wir wissen aus Hofmannsthals Notizen, daß es Maria/Mariquita war -, eine Erscheinung, die er sich nicht erklären kann. Dieses Geheimnis wirkt auch auf seine Beziehung zu Nina aus, und ist für Andreas´ Entwicklung entscheidend.
Das Liebensabenteuer mit Nina beginnt wie das mit Romana: es stellt sich heraus, daß Andreas unfähig ist, mit seiner Begierde Nina zu erreichen; entweder die Erinnerung an Romana oder das Gefühl, daß jemand da ist, löscht sie gleich aus. Dann versucht Andreas seine Beziehung zu Nina in der Phantasie zu gestalten, wie auch im Falle von Romana gewesen ist. Die Vorstellung des Dachgartens, wo Andreas alles, inbegriffen Nina selbstverständlich besitzt, ist ein typischer Versuch des ästhetischen Zustandes. “(…) er war kein zufälliger Besuch, den jedes Knarren einer Tür aufschreckte (…) er war der berechtigte Freund, der Herr dieses Zaubergartens und der Herr seiner Herrin.” Ninas Frage zieht ihn zwar aus dem glücklichen Traum zurück, aber weil sie eben nur ein Objekt für ihn ist, könnte dieses Bewußtwerden auch nicht besonders störend sein; ein Objekt nämlich, das bloß da ist, läßt sich immer wieder leicht in die Phantasie verwandeln. Nicht aber das Geheimnis. Es beunruhigt Andreas, und treibt ihn wiedermal zur Verzweiflung. “Der Gedanke an seine Unbekannte fiel ihm ein, aber wie ein Schreck. (…) Dieses Wesen war in der Welt, darin lag etwas, das unentfliehbar war.” Das ist der Punkt eigentlich, wo sich Andreas zu entwickeln beginnt, in der Verzweiflung, die diesmal im Ästhetischen nicht zu lösen ist. Schutz suchend nähert er sich Nina: “Die Brust wurde ihm enger, ihm war, als müsse er Schutz suchen, er trat im Zimmer zurück, er stützte sich auf die Lehne des Sofas und beugte sich über Nina.” Die Erinnerung an alte Kinderträume stört zwar auch hier seinen Entschluss, weckt Zweifel, aber nicht minder das Träumen selbst: es sind nämlich “bis zum Ekel oft geträumte Kinderträume”. Ohne Hoffnung, verzweifelt erfaßt nun Andreas Ninas Hand, damit verliert er aber Nina als bloßes Objekt, d.h. er verliert sich als bloßes Subjekt, und das schreckt ihn auch zurück: “Die Ahnung eines Lächelns lag noch auf ihrer Oberlippe, aber ein vergehendes, beinahe angstvolles Lächeln schien einen Kuss dorthin zu rufen. Nichts konnte ihn tiefer und jäher erschrecken als diese Zeichen, die einen andern vielleicht kühn, ja frech gemacht hätten. (…) Er war verwirrt über die Maßen”. Andreas ist also in eine Sackgasse geraten: vor dem Schreck sucht er Nina, aber vor Nina bekommt er wieder mal Schreck. Es ist aber fraglich, ob er noch irgendwohin fliehen kann. Sein letzter Versuch, Nina nochmals im Traum und in der Phantasie allein für sich zu retten und zum glücklichen Gefühl vor der Qual zurückzufinden, muß auch scheitern. Andreas hat also keine andere Wahl, als das Geheimnis zu verstehen, damit sich seine allgemeine Angst auflöst. Die Freundschaft mit Sacramozo führt Andreas eigentlich zum Geheimnis – im Roman folgt auch ja gleich der Kaffeehausszene, wo Andreas Sacramozo zum erstem Mal trifft, die Szene vor und in der Kirche, wo Andreas Maria/Mariquita erblickt -, aber das Geheimnis zu lösen und dadurch auch sich selbst zu finden, fällt allein Andreas zu. Sacramozo will auch das Geheimnis des Lebens lösen, und in diesem Sinne kann er zur Entwicklung von Andreas beitragen, aber nur als negatives Beispiel. In Sacramozo findet Andreas nämlich sein problematisches Ich, den “ästhetischen Zustand” wieder, er schaut sich in Sacramozo wie in einem Spiegel. Der Ekel vor dem Gemeinen , die Unvermöglichkeit menschlicher Beziehungen charakterisiert sowohl Andreas als auch Sacramozo, wohl aber mit dem Unterschied, daß Andreas in der Verzweiflung “der geometrische Ort fremder Geschicke” wird , d.h. sich unwillkürlich fremden Einflüssen aussetzt und sich dadurch entwickelt, Sacramozo aber in einem Zustand der Auswegslosigkeit erstarrt, und zwar in dem der mystischen Trance, weil er an sich selbst nicht zweifelt, sondern nur an seinem Geschick. Die Beziehung zwischen Andreas und Sacramozoist im Fragment nur angedeutet, aber es ist bereits bei ihrem ersten Treffen im Kaffeehaus offensichtlich, daß Sacramozo Andreas wie ein Magnet anzieht. Andreas´ große Neigung zu Sacramozo ist damit zu erklären, daß Andreas an Mangel des Selbstgefühls leidet, Sacramozo aber ihm als eine vollkommen entfaltete Persönlichkeit vorkommt. Andreas ahnt in ihm einen “harmonischen Kontrast zwischen Erscheinung und Geist”. Er besinnt sich aber bald darauf, daß die Beziehung zum Malteser ihm nicht hilft, sich selbst zu finden, sondern nur die Möglichkeit dessen negativ enthält, d.h. Sacramozo erinnert Andreas stärker an seine Krise, durch ihn sehnt er sich noch quälender nach einer Lösung. “Durch Sacramozo erkannt Andreas: er liebe Romana Finazzer.” Romana bedeutete für Andreas nämlich – wie bereits festgestellt – ein erwünschtes Ziel ohne den dazu führenden Weg. Sacramozo aber einen möglichen Weg, der aber zu nichts führt, bzw. im Falle menschlicher Beziehungen die Vernichtung der anderen Person bedeutet. Je mehr sich Andreas in ein Liebesabenteuer mit Maria/Mariquita verwickelt, desto mehr entfernt er sich von Sacramozo. Die Doppelgängerfigur Maria/Mariquita , dieses “Produkt” Sacramozos läßt Andrea begreifen, daß an Sacramozo alles nur “Fassade” ist, d.h. nur von außen her alles vollkommen und bewundernswert scheint; von innen her aber – also in Beziehung zu Maria/Mariquita – wird sich Andreas der Unmöglichkeit von Sacramozos Lebensauffassung bewußt. Ihm wird klar – obwohl Sacramozo war, der ihn zu Maria führte -., daß er das Geheimnis mit seiner Hilfe nicht verstehen kann. So bleibt der Malteser – auch wenn Hofmannsthal ihn vielleicht am präzisesten zu charakterisieren versuchte und auch wenn einige Literaturhistoriker in ihm die edelste Gestalt des Romans sehen – nur Nebenfigur. Seine Funktion ist, Andreas zu Maria zu führen, bzw. mit seinem Beispiel einer falschen “Liebesbeziehung” zu Maria Andreas begreiflich zu machen, was verfehlt wurde. Maria/Mariquita ist die Kehrseite von Romana: was in Romana vollkommen ist, wurde in Maria/Mariquita Pathologie. Durch das Pathologische muß nun Andreas begreifen, daß Sacramozos Ästhetizismus , hohe Selbstliebe, seine “gegenstandslose Beziehung” zu Maria zur Spaltung dieser Person geführt hat, und er muß lernen, wie das Gespaltene, das Getrennte wieder vereinigt werden kann. Sacramozo such in allem “das Geheimnis des Lebens” und gelangt endlich nur zur Verzweiflung und folgerichtig zum “echten philosophischen Akt”, zur Selbsttötung. Andreas aber entwickelt sich dazu, an dem Geheimnis wirkend teilzunehmen, d.h. wirklich liebend sich vereinigen zu können, wodurch er auch seine Identität findet. Die Liebesbeziehung zu Maria ist für Andreas nur ein Mittel der Selbstfindung, indem er in der anderen Person das Selbst finden hilft; damit wird er aber für Romana frei. An diesem Punkt hat Hofmannsthal noch einige Abenteuer vorgesehen, wi z.B. Zustinas und Ninas Liebe zu Andreas, aber das alles paßte nicht mehr in den Roman: die Entwicklung von Andreas hat sich mit dem Abenteuer zu Maria vollendet. Maria wurde Andreas´ Werk, und indem er es bildete, bildete er sich selbst. Damit erwarb Andreas ein “Können” – das Motiv von Andreas´ Nicht-Können zog übrigens bis zu diesem Punkt ganz charakteristisch durch den ganzen Roman durch – , gewann darin ein eigenes Selbstgefühl, und ist zu keinem Abenteuer mehr fähig. Er müßte nun – wie in den Notizen entworfen – zu Romana zurück, weil er bereits imstande ist, sie frei zu wählen. Diese freie Wahl bedeutete erst den Durchbruch zu Ethischen.

