Die Sezession beim jungen Hofmannsthal und Rilke bzw. Babits und Kosztolányi (1983)

(In: NEOHELICON XI 1 Budapest, Amsterdam, 1984. 125-134.)

Eine Reihe von Problemen ergibt sich in Bezug auf die Sezession, die zwar die Literaturwissenschaft bereits seit vielen Jahren zu klären versucht. Es bleiben immer noch viele Fragen ohne eine befriedigende Antwort. Höchst problematisch ist bereits die Benennung Sezession; ob “Jugendstil”, “art nouveau” oder “new style” entsprechender wäre, ist auch nicht geringer fraglich. Ein anderes Problem bedeutet, daß diese Kategorien – egal ob “Sezession”, “Jugendstil” oder “art nouveau” – ursprünglich für die Benennung der Phänomene der Kunst um die Jahrhundertwende gedacht waren, und auch heute rückblickend einen primären Bezug auf die bildenden Künste haben. Was ist aber das Spezifische der Literatur, die auch sezessionistisch genannt wird, wie die Kunst zu dieser Zeit? Es entstanden bereits viele kunsthistorische Studien (ein großartiger Versuch der Bestimmung des “Sezession”-Begriffes der Kunsthisatorie ist u.a. der Band von Wallis), die die sezessionistischen Motive und Eigenarten nach den verschiedensten Gesichtspunkten systematisierten. Es gibt aber in der Literatur selbstverständlich keine Entsprechung der in der sezessionistischen Malerei so sehr bevorzugten Linie; und die in der Literatur eventuell dargestellten sezessionistischen Motive, wie z.B. eigenartige Pflanzen- und Tierformen oder schlanke, blasse Frauen, wie etwa auf den sezessionistischen Gemälden , bedeuten nicht eine durch die Literatur dargestellte Sezession. Was dies letzteres sei, versucht dieser Aufsatz im wesentlichen auf einem beschränkten Gebiet der Literatur zu untersuchen.

Wir beharren absichtlich auf der Benennung “Sezession”, obwohl auch sie, wie die bereits erwähnten Alternativen, Probleme nach sich zieht. Problematisch ist vor allem, daß die Stilkategorie “Sezession” einen starken Bezug auf die österreichische Kunst und Literatur hat, hier hat sie sich eingebürgert und wird nicht gern für die Benennung der Phänomene in anderen Literaturen um die Jahrhundertwende verwendet., ohne daß man einen Einfluß der österreichischen Literatur anerkennt. Die Benennung art nouveau ist aber in dieser Hinsicht auch nicht weniger fragwürdig; Aladár Komlós z.B., der auf Grund einer wirkungsgeschichtlichen Orientierung auch für die Benennung der Erscheinungskomplexe der ungarischen Literatur um die Jahrhundertwende “art nouveau” vorgeschlagen hat, schreibt der französischen Literatur zu dieser Zeit einen starken Einfluß auf die unsere zu.

Wir halten nun “Sezession” trotz allen Schwächen der Kategorie für semantisch relevanter als alle anderen Varianten. Darunter wird nämlich im ursprünglichen Sinne “Trennung”, “Absonderung” verstanden, was auf die Literatur um die Jahrhundertwende bezogen, nicht in erster Linie die Opposition dieses Stils zu den vorangehenden Stilen bedeutet, sondern vielmehr den Auszug der Kunst aus dem Leben, mit allen seinen stilistischen Konsequenzen. Die Annahme der zusammenfassenden, geschichtlichen Stilkatagorie “Sezession” bedeutet aber nicht, daß wir damit einen einfachen, wirkungsgeschichtlich leicht beweisbaren Einfluß der österreichischen Literatur auf die ungarische anerkennen würden.

Um das Spezifische der sezessionistischen Literatur im allgemeinen und ihre Varianten bei den erwähnten Schriftstellern zu erschließen,, stellen wir absichtlich Hofmannstahls Roman-Torso, Andreas, oder die Vereinigten in den Mittelpunkt. In diesem Roman beginnt Hofmannsthal nämlich die Sezession – die bei ihm nie bloß Motive und Formen bedeutet, sondern dahinter steht auch eine Verhaltensweise, ein Weltbild – zu überwinden, und eben deshalb fühlen wir das Sezessionistische des Werkes bereits in seinem Kontrast viel mehr nachdrücklicher. Von der Höhe des Andreas wird versucht, sowohl die sezessionistischen Momente der Jugendwerke von Hofmannsthal und Rilke als auch die von Babits und Kosztolányi zu überblicken und ihre Abweichungen zu fixieren.

In Andreas geht alles – mit einem von Kierkegaard genommenen Begriff bezeichnet – um den “ästhetischen Zustand” und dessen Überwindung. Unter “ästhetischem Zustand” verstehen wir im wesentlichen, daß Andreas lange, ganz bis zum geplanten Ende des Romans nicht imstande ist, sich vorbehaltlos hinzugeben, d.h. er hat immer nur Angst, in der Hingabe sich selbst als bloßes Subjekt zu verlieren; er kann nicht zugleich Objekt werden, oder konkreter gesagt: er kann nicht geliebt werden. (Dieses Motiv ist übrigens z.B. auch für Rilke sehr charakteristisch.) Das ist der richtige Ausgangspunkt der Sezessionbei Hofmannsthal, nicht nur im Andreas, sondern in den frühen Gedichten und den sog. lyrischen Dramen.

Wenn man sich eine kleine Episode des Romans, und zwar Andreas´ Abenteuer mit Nina etwas näher betrachtet, zeigt sich das Spezifische dieser Sezession, bzw. tauchen bereits Motive auf, die in die Richtung der Überwindung der Sezession bei Hofmannsthal zeigen; in diesem Abenteuer beginnt nämlich das Problematisch-Werden des Ästhetischen. Wichtig ist, daß Andreas von dem Abenteuer mit Nina ein Geheimnis, ein seltsames Mann/Weib trifft – wir wissen aus Hofmannstahls Notizen, daß es Maria/Mariquita war – , eine Erscheinung, die er nicht erklären kann. Dieses Geheimnis wirkt auch auf seine Beziehung zu Nina aus, es weist aber bereits in Richtung der Überwindung des Ästhetischen.

Nun, das Liebesabenteuer mit Nina beginnt wie das mit Romana: es stellt sich heraus, daß Andreas unfähig ist, mit seiner Begierde Nina zu erreichen; entweder die Erinnerung an Romana oder das Gefühl, daß jemand da ist, löscht sie gleich aus. Dann versucht Andreas seine Beziehung zu Nina in der Phantasie zu gestalten, wie es auch im Falle von Romana gewesen ist. Die Vorstellung des Dachgartens, wo Andreas alles, inbegriffen Nina selbstverständlich besitzt, ist ein typischer Versuch des “ästhetischen Zustandes”: “er war kein zufälliger Besuch, den jedes Knarren einer Tür aufschreckte (…) er war der berechtigte Freund, der Herr dieses Zaubergartens und der Herr seiner Herrin.” Ninas Frage zieht ihn zwar aus dem glücklichen Traum zurück, aber weil sie eben nur ein Objekt für ihn ist, könnte dieses Bewußtwerden auch nicht besonders störend sein.; ein Objekt nämlich, das bloß da ist, läßt sich immer wieder leicht in die Phantasie verwandeln. Nicht aber das Geheimnis. Es beunruhigt Andreas, und treibt ihn wiedermal zur Verzweiflung: “Der Gedanke an seine Unbekannte fiel ihm ein, aber wie ein Schreck. (…) Dieses Wesen war in der Welt, darin lag etwas, das unentfliehbar war.” Das ist der Punkt eigentlich, wo sich Andreas zu entwickeln beginnt, in der Verzweiflung, die diesmal im Ästhetischen nicht zu lösen ist. Schutz suchend nähert er sich Nina: “Die Brust wurde ihm enger, ihm war, als müsse er Schutz suchen, er trat im Zimmer zurück, er stützte sich auf die Lehne des Sofas und beugte sich über Nina.” Die Erinnerung an die Kinderträume stört zwar auch hier seinen Entschluss, weckt Zweifel, aber nicht minder das Träumen selbst: es sind nämlich “bis zum Ekel oft geträumte Kinderträume”. Ohne Hoffnung, verzweifelt erfaßt nun Andreas Ninas Hand, damit verliert er aber Nina als bloßes Objekt, d.h. er verliert sich als bloßes Subjekt, und das schreckt ihn auch zurück. “Die Ahnung eines Lächelns lag noch auf ihrer Oberlippe, aber ein vergehendes, beinahe angstvolles Lächeln schien einen Kuss dorthin zu rufen. Nichts konnte ihn tiefer und jäher erschrecken als diese Zeichen, die einen andern vielleicht kühn, ja frech gemacht hätten. (…) Er war verwirrt über die Maßen.” Andreas ist also in eine Sackgasse geraten: vor dem Schreck such er Nina, aber vor Nina bekommt er wieder mal Schreck. Es ist aber fraglich, ob er noch irgendwohin fliehen kann. Sein letzter Versuch, Nina nochmals im Traum und in der Phantasie allein für sich zu retten und zum glücklichen Gefühl vor der Qual zurückzufinden, muß auch scheitern.

Wir verblieben vielleicht zu lange beim Andreas, sind aber der Meinung, daß die Wurzeln der Sezession bei Hofmannsthal in den hier vorgebrachten Merkmalen zu suchen sind.

Im Prolog zu dem Buch “Anatol” wird auch ähnlich formuliert, worum es in Frühwerk Hofmannsthal geht. “Also spielen wir Theater / Spielen unsere eigenen Stücke (…) Die Komödie unserer Seele / Unseres Fühlens Heut und Gestern”.

In den lyrischen Dramen kommt auch ja immer nur das “ästhetische Moment” zum Ausdruck, was auch noch das In-Sich-Geschlossensein des Einzelnen bedeutet. Der Diener sagt z.B. im Kleinen Welttheaters über seinen Herrn: “Das ganze Leben läßt er draußen “, und der Wahnsinnige äußert sich nicht weniger charakteristisch für diese frühen Dramen: “Was aber sind Paläste und die Gedichte: / Traumhaftes Abbild des Wirklichen.” Gleich sind sie alle, Tizians Anhänger, die durch das Werk, d.h. durch die Schönheit dem Leben Leben geben wollen, Claudio, der sein ganzes, bloß in der Phantasie gestaltetes Leben bereut, oder Fortunio z.B. , der plötzlich erkennt: “Erinnerung ist alles, was mir blieb.” Krankhafte Zurückgeworfenheit auf sich selbst bedeutet hier die Sezession: seltsame Träume, die Verflechtung verschiedener Momente in ein Ganzes, den Reigentanz der Schönheit und Phantasiebilder über den Tod.

Bei Rilke zieht sich die Sezession auch ganz charakteristisch durch das ganze Frühwerk hindurch. Werke wie Advent, Mir zur Feier, Das Stunden-Buch, Die Weise von Liebe und Tod des Corners Christoph Rilke, das Buch der Bilder und vielleicht auch noch zum Teil die Neuen Gedichte können als sezessionistisch betrachtet werden.

Im Stunden-Buch zeigt sich vielleicht am deutlichsten die sog. “Spitzenseele”, die vertikale Geistigkeit der Sezession, die der Gotik irgendwie ähnlich ist, und die sich zum Teil auch im Expressionismus fortsetzt. Diese Geistigkeit schafft übrigens auch auf den sezessionistischen Gemälden jene so typyschen, schlanken Frauen mit kleinem Kopf und langen Haaren.

Das Ich des Stunden-Buchs, das , mönchische Alterego steht vor allem nicht der Welt sondern sich selbst gegenüber. Er will sich überwinden, will verrinnen, und mit dem immer wieder neu begonnenen Kreisen um Gott will er sich aufbauen. Das ist der richtige Ausgangspunkt der Sezession bei Rilke: das Werden des Ichs, das Wachsen; das Schaffen eines gewaltigen Ornaments, das manchmal auch Symbolisches in sich schließt. Durch das Ornament wird das lyrische Ich des Stunden-Buchs begriffen; er will eigentlich nichts mehr, als durch sein Verrinnen, sein wellenartiges, in sich immer wiederkehrendes Wachsen von sich selbst beschrieben werden. “Ich will mich beschreiben wie ein Bild, das ich sah”, heißt es, oder anderswo über die Tage ist zu lesen, daß sie “nichts bedeuten als ein wiederkehrendes Wellenschlagen und nichts verlangen, als ein Bild zu tragen”.

Der Cornet ist nicht weniger sezessionistisch, und hat auch viele Ähnlichkeiten mit dem Stunden-Buch: die beiden Werke sind ja etwa zur selben Zeit entstanden.

Die Reiter des Cornet stehen alle einer unsinnigen, derben Wirklichkeit gegenüber, und sie flüchten davor immer nur in den Traum und die Erinnerung. Geträumt wird allerorts un d allezeit, und der Traum wird oft zu einem nicht mehr zu begreifenden Ornament, zu einem vom Schicksal der Reiter bereits unabhängigen Bild: “Und ist ein Fest geworden, kaum weiß man wie. Die hohen Flammen fleckten, die Stimmen schwirrten, wirre Lieder klirrten aus Glas und Glanz, und endlich aus den reifgewordnen Takten entsprang der Tanz. Und alle riß er hin. Das war ein Wellenschlagen in den Sälen, ein Sich-Begegnen und ein Sich-Erwählen, ein Abschiednehmen und ein Wiederfinden, ein Glanzgenießen und ein Lichterblinden und ein Sich-Wiegen in den Sommenwinden, die in den Kleidern warmer Frauen sind.”

Das Buch der Bilder ist zwar nicht einheitlich, enthält verschiedene Gedichte, es geht aber immer noch um das gleiche Erlebnis, wie im Stunden-Buch oder dem Cornet. Leben wird hier nämlich auch noch als “Traum eines Traumes” betrachtet, es wird auch hier vom Leben geträumt. Der Unterschied besteht aber darin, daß das Buch der Bilder die “Dinge” zum Thema hat, die sich aber oft zum stilisierten Bild verwandeln, wie das z.B. Der Knabe u.a. zeigt.

Auf die beiden ungarischen Schriftsteller zu sprechen gekommen, müssen wir gleich den Akzent auf die Opposition der ungarischen Sezession zur vorangehenden volksnationalen Stilrichtung legen; das ist aber nicht nur für Babits und Kosztolányi und im allgemeinen für die erste Generation um die “Nyugat“, sondern bereits für die Novellisten im ausgehenden 19. Jahrhundert sehr charakteristisch. Demgegenüber wurden in Österreich die vorangehenden Stilrichtungen in der literarischen Sezession eher synthetisiert, aber jedenfalls nicht verneint.

Die Sezession bei Hofmannsthal, aber auch noch bei Rilke spielt im wesentlichen eine größere Rolle als bei Babits oder Kosztolányi.

Babits hat zwar ein ähnliches Grunderlebnis wie Hofmannsthal z.B., das hat aber keinen das ganze Frühwerk umfassenden sezessionistischen Stil zur Folge. Was bei Hofmannsthal einen sezessionistischen Rahmen bildet, ist bei Babits gegebenenfalls nüchterne, objektive Lyrik, die das Problem des Ästhetischen eher beschreibt als darstellt, wie z.B. das berühmte Gedicht A lírikus epilógja (Der Epilog des Lyrikers) mit der Aussage: “nur ich kann der Held meines Gedichtes sein”. In vielen Gedichten wird die Opposition des lyrischen Ichs zur gemeinen Außenwelt fixiert, es fehlt ja aber oft die Weiterführung des gegebenen, konkreten Bildes ins Metaphorische, was ein wesentliches Merkmal der Sezession ist. Fekete ország (Schwarzes Land) ist demgegenüber ein Beispiel dafür, daß das konkrete Bild zwar aufgehoben wird, aber es wendet sich nichtig eine metaphorische Bezugslosigkeit, sondern ins Symbolische. Nun, die Sezession hat im wesentlichen zwei voneinander gut zu trennende Typen bei Babits. Der eine Typ z.B. im Gedicht Hymne an Iris zu entdecken. Dieses Gedicht stellt den Ausbruchswunsch des Ichs, seinen Anspruch auf Vollständigkeit dar, und zwar auffällig kühl. Der Beschreibung der Lage des Ichs und der Anbetung der Iris folgt ein Traumbild aber, das als sezessionsartig betrachtet werden kann, und dessen Funktion ist, dem steigernden Maße des Wunsches entsprechend das Bild gefühlsmäßig weiterzuführen.

Ähnlicherweise hat das Sezessionistische innerhalb des Ganzen eine grundlegende stilistische Funktion im Gólyakalifa (Storchkalif), des ersten , 1913 geschriebenen Roman von Babits. In diesem eigenartigen psychologischen Roman bezeichnet das Sezessionistische die aristiokratische Absonderung des Wachseins dem in qualvollen Träumen erscheinenden Unreinen gegenüber; Elemér Tábory, die Hauptgestalt des Romans ist nämlich ein geborener Aristokrat, Sohn einer vornehmen Familie, den – stark nach den Freudschen Prinzipien motiviert – im Traum das Unreine der Welt quält. Er flüchtet oft ins Wachsein – wenn es gesagt werden kann: das ist eine eigenartige Sezession – , was aber auch nur Traum zu sein scheint, denn das alles kommt ja aus der Erinnerung hervor. Die Erinnerung von Elemér Tábory an seine Tante z.B., deren schmale Figur sich silbrig schimmernd auftut, ist etwas rein Sezessionistisches.

Für den anderen Typ der Sezession bei Babits (etwa in den Gedichten Strahl und Dornröschen) ist charakteristisch, daß das Sezessionistische vor dem lyrischen Ich als Betrachter aufgeht. All das knüpft sich ja an die Reihe der sog. Rollengedichte von Babits; unter den verschiedensten Rollen gibt es bei ihm auch ein sezessionistisches Rollenspiel. Das lyrische Ich spielt hier die Rolle eines Bildbetrachters, vor dem sich ein sezessionistisches Gemälde mit seinen dynamischen, rankenmäßigen Formen, eigenartigen Motiven auftut. In den Gedichten Strahl und Dornröschen z.B. können wir den direkten Bezug dieser Sezession auf die sezessionistische Malerei bei Klimt, Behrens und Morris entdecken.

In den frühen Werken von Kosztolányi – in seinen Skizzen, Novellen und Gedichten – spielt die Sezession eine viel größere Rolle als bei Babits, sie ist aber auch hier kein allumfassender Stil. Die Sezession erscheint bei ihm mit anderen Stilen eng verbunden, so daß man das Sezessionistische oder Sezessionsartige nur schwer vom Symbolistischen und Impressionistischen trennen kann.

Für die frühe Novellist von Kosztolányi ist im wesentlichen charakteristisch, daß sie verschiedene Stimmungen wiedergeben will. Im Interesse dessen wurde ein zauberhafter Stil entwickelt, der u.a. auch Sezessionsartige in sich schließt. Einen sezessionsähnlichen Stil hat z.B. die traumhafte Erinnerung in der Novelle Sakkmatt (Schachmatt) zur Folge: “Ich erinnere mich auch heute noch an dieses Haus, wo alles aus Elfenbein, Ebenholz und Silber besteht. Ich höre auch noch jetzt das ahnungsvolle Getöse der Perlmuschel. Durch die Fenster über der Toreinfahrt schien fein-grünes, gelbliches und blaß-lila Licht durch.” All das ist aber nur die stimmungsvolle Vorbereitung der darauf folgenden Feststellung: “Alles, was ahnungsvoll und großartig war, fan ich in diesem Haus.” Viele andere Beispiele könnten wir noch erwähnen, es würde sich aber herausstellen, daß das Sezessionistische in den frühen Novellen bei Kosztolányi nie nach einem allgemeinen Prinzip begriffen werden kann; es ist immer nur aus dem engsten Kontext zu verstehen.

Die frühen Gedichtbände von Kosztolányi – etwa bis 1912 – haben auch eine eigenartige sezessionistische Prägung. Unter denen ist der Band Egy szegény kisgyermek panaszai (Die Klagen eines armen Kindes), 1910 erschienen, zweifellos am vollkommensten und auch vom Aspekt unserer Untersuchungen her ist er weitgehend am bedeutendsten. Allein in diesem Band bekommt die Sezession bei Kosztolányi eine das ganze Werk umfassende und auch andere Stile synthetisierende Funktion. Es wird sehr oft behauptet, daß Die Klagen eines armen Kindes impressionistisch sei; interessanterweise behauptet aber auch Ähnliches die in Ungarn herausgegebene Geschichte der deutschen Literatur über Rilkes Stunden-Buch. Im Falle von Rilke ist es aber vielleicht noch viel mehr augenfälliger, daß es nicht um Impressionismus geht.

Sezessionsartig ist bereits die Ausgangssituation im Band Die Klagen eines armen Kindes; es wird nämlich vom dichterischen Ich über die Kindheit geträumt. Aber auch das kindliche Alterego träumt fast immer: träumt als Kranker, träumt als Einsamer und als Trauriger, sogar auch noch der Hund träumt hier. Damit wird nämlich am prägnanten ausgedrückt, daß es in diesem Werk hautsächlich um die Gegenüberstellung des Ichs und der Welt geht: ” Ich habe Angst / Vor dem Leben und der Dunkelheit”, bekennt das kleine Kind, und, alll das hat die Flucht aus der gemeinen Welt zur Folge. Nicht Reize von der Welt werden direkt empfangen, sondern Wirkungen, Gegenstände der Umwelt werden in einem traumhaften Zustand zur Schönheit verwandelt. So z.B. im Zusammenhang mit dem Onkel Doktor, vor dem das Kind verständlicherweise Angst hat, ist zu lesen: “Aus seiner Hand fällt manchmal auf meine Decke eine blaße, milde Blume”. Und wir könnten noch viele andere Beispiele erwähnen: die Finger der guten Mutter sind aus Elfenbein, die Glastür aus Silber und Gold, der Mond geht silbrig auf, sogar die Sonate, die die Mutter spielt, ist aus Silber, und das Licht ist fließendes Gold usw.

Wir haben hier nicht die Absicht, die Klagen eines armen Kindes eingehend zu analysieren; wir wollten nur mit einigen vorgebrachten Merkmalen darauf hinweisen, daß dieses Werk – trotz der Meinung vieler – als etwas Sezessionistisches betrachtet werden kann.

Die Schwierigkeit der Beurteilung dieses Bandes z.B. wirft aber auch eine neue Frage auf: Was ist das richtige Verhältnis zwischen Impressionismus und Sezession?

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